Young Kyun Lim
 
 
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Lim pendelt heute zwischen Seoul, wo er seit 1992 an der Chung-Ang University Photographie lehrt, und New York, wo er an der New York University das gleiche Fach mit Schwerpunkt Portrait unterrichtet. Zahlreiche Vortrags- oder Urlaubsreisen nach Japan oder durch Europa erweitern diesen Weg. Ist Lim unterwegs, arbeitet er ständig an neuen Bildideen. Vorgefundene Situationen inspirieren ihn, er photographiert Menschen in Cafés, an Bushaltestellen oder am Flughafen im Regen; keine Situation wird von ihm arrangiert. So bleibt das Unterwegssein sein Motiv. Zwei Leicas führt er stets mit sich, "as a novelist is never without a pen", so Lim. Situationen, Augenblicke, Ausschnitte eines ewigen Gefüges können, seiner Überzeugung nach, zur Vergeistigung, zur Meditation werden.

Kaum ein Portraitierter ist in dieser Bildserie als Person charakterisiert, wie etwa in seinem konzeptionellen, systematischen Portraitwerk seiner Studenten oder seiner Künstlerkollegen, das er parallel ernsthaft fortsetzt. Die Menschen bleiben in diesen spontanen Situationsschilderungen nur Statisten eines bühnenbildhaften Geschehens. Ein Blick im Vorübergehen, schnell und ungefiltert. Monate oder Jahre nach der Aufnahme werden die Bilder für Ausstellungen oder Publikationen akzeptiert oder verworfen. Ein von ihm ausgewähltes Bild muss als Zeugnis eines Augenblicks auch in der Gegenwart überprüfbar und nachfühlbar sein.

Gelegentlich entdecken wir konkrete oder versteckte Hinweise auf frühere, berühmte Kollegen: seine Portraitserie nannte er in Anlehnung an August Sander "The Face of our Time", in einem Bild aus Prag liegt auf einer Fensterbank zwischen dem aufgeschlagenen Notizbuch und dem eigenen Pass ein Buch des tschechischen Photographen Josef Koudelka. Der Blick aus dem Fenster in einen Garten mit altem Baumbestand erinnert zudem an das Spätwerk eines weiteren Großmeisters der tschechischen Photographiegeschichte, an Josef Sudek.

Heute lässt das Selbstportrait in einer spiegelnden Glasscheibe auf der Fähre von Manhattan nach Staten Island mit Blick zurück auf die Skyline der Metropole die Twin Towers vermissen, wenn Lim mit seiner dunk-len Silhouette die Fehlstelle auch beinahe auszufüllen scheint. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center war Lim mehrfach für längere Zeit in New York und photographierte immer wieder die direkten und indirekten Folgen der Zerstörungen, Geschichten über die Veränderungen einer verletzten Stadt.

In der Auslage eines Antiquitätengeschäfts im westfälischen Münster befindet sich ein verblichenes Gruppenportrait einer bürgerlichen deutschen Familie, wohl Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden. Die Spiegelung von Lim überlagert hier das Gruppenbildnis, eine Reflexion des eigenen Ich, ein Spiegel einer Familie, in seiner photographischen Aneignung als die eigene illustriert – "Destiny".

Jede Photographie von Lim ist eine Erzählung. Viele können wir lesen und verstehen, ob wir nun in Berlin, Tokio, Seoul, Buenos Aires oder New York leben. Andere bleiben verrätselt, kulturell gebunden. Und doch fühlen wir uns bereichert in Lims Poesie des Alltäglichen.

Dr. Matthias Harder
Leiter Palais für aktuelle Kunst | Kunstverein Glückstadt
 
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