Vom 18. März bis
29. April 2007 zeigen wir die Ausstellung:
Stille
- Dirk Reinartz und Schüler |
Eröffnung: Sonntag,
18. März um 11.30 Uhr
Einführung: Vera
Rachel, Kunststiftung der HSH Nordbank
Christiane Gehner
und Mathias Harder, die Kuratoren der Ausstellung |
Am 27. März 2004 endete das Leben eines passionierten
Photographen und eines
außergewöhnlichen Menschen, wie selten
seinesgleichen zu finden war: Dirk Reinartz wurde
nur 56 Jahre alt, und seine Zeit als Professor für
Photographie an der Kieler Muthesius-Kunsthochschule
währte nur sechs Jahre. Nur kurze Zeit zuvor,
im Januar 2004, stellte Dirk Reinartz seine „Inneren
Angelegenheiten“ im Kunstverein Glückstadt
aus. Die Präsentation seiner kleinformatigen
Farbaufnahmen im oberen Stock des Renaissancepalais’
gefiel ihm damals außerordentlich gut. Gleichzeitig
befand er sich in Gesprächen mit der Kunststiftung
HSH Nordbank über ein größeres Ausstellungsprojekt
mit Arbeiten von ihm und seinen Studenten. Nach
seinem plötzlichen Tod geriet die von Reinartz
bereits grob konzipierte Photographieausstellung
kurz in Vergessenheit, bis wir von der Kunststiftung
gebeten wurden, dieses Ausstellungsprojekt in seinem
Sinne weiterzuführen, was nun, auch mit Hilfe
seiner Frau Karin Reinartz geschehen ist. Drei Jahre
nach Reinartz’ Konzeption soll hier nicht
nur den Diplomarbeiten, sondern auch aktuellen Projekten
seiner ehemaligen Studenten ein Forum gegeben werden.
Doch am Beginn stehen Reinartz’ teilweise
unpublizierte New York-Photographien aus den Siebzigerjahren,
als dieser so alt war wie seine Studenten, als sie
für ihr Examen bei ihm arbeiteten. Die Bildgegenüberstellung
von Lehrer- und Schülerarbeiten wäre sicherlich
weitaus geringer ausgefallen, wenn Reinartz –
bescheiden wie er war - selbst als Kurator fungiert
hätte. Den beiden berufenen Kuratoren jedoch
erscheint, vor dem Hintergrund der geänderten
Ausgangslage, gerade diese photographische Spurensuche
wichtig und reizvoll.
Dirk Reinartz selbst ging durch eine intensive Ausbildungszeit
bei Otto Steinert an der Essener Folkwang-Schule.
Später stellte er seinen Schülern ähnliche
Aufgaben in der eigenen Klasse an der Muthesiusschule,
beispielsweise „Das Tier“.
Reinartz’ Student MARKUS STEFFEN hat sich
für seine Diplomarbeit über Wettbewerbe
auch unter Tierzüchtern und Hundefriseuren
getummelt und überrascht mit kuriosen wie nachdenklichen
Bildern. Auch SVEN-ERIC SINDT wählte einen
ungewöhnlichen Weg, um dieses Thema zu bearbeiten:
er sammelte überfahrene Tiere ein und ließ
sie beim Tierarzt röntgen.
Verschiedene Aspekte von Stille lassen sich in den
Arbeiten der Schüler erkennen, z.B. bei CHRISTOPH
EDELHOFFS Serie „Elektrorecycling“.
Die Halde mit Computerschrott verweist auf die Schnelllebigkeit
von technischen Gebrauchsgegenständen, ohne
die heute niemand mehr auskommt. THIES RÄTZKES
Diplomarbeit „Kontrollbereich“ ist dagegen
im innersten Sicherheitsbereich des Kernkraftwerkes
Brokdorf entstanden. Das Muster der elektronischen
Anzeigentafeln und die in Schutzanzügen vermummten
Angestellten vermitteln die Idee verlangsamter Bewegungen
und verstummter Geräusche.
Nicht alle Reinartz-Schüler sind in die gängigen
Kategorien des Mediums einzuordnen. Die Bilder von
MARTIN LEBIODA sind weder der Reportage, noch der
konzeptionellen Dokumentarfotografie zuzuordnen.
Auf seinen Reisen nach Indien und Afghanistan bediente
er sich bewusst der Methode des „Derive“
(Umherschweifens), und dabei bezieht er sich auf
die Situationisten der Fünfzigerjahre. Bereits
im ausgehenden 19. Jahrhundert war es beliebt, mit
leicht verschobenem Kamerawinkel vom erhöhten
Standpunkt Rundumsichten von bedeutenden Städten
anfertigen. BIRGIT RAUTENBERG nimmt diese gestalterische
Idee mit ihren Landschaftspanoramen auf, die unter
anderem in ihrer Schleswig-Holsteinischen Heimat
entstanden sind. Sie untersucht mit diesen Bildserien
die Veränderungen der natürlichen Oberflächenstruktur.
Landschaftsbilder ganz anderer Art begegnen uns
bei HOLGER STÖHRMANN in seiner Serie „Anonym“.
Meist sind es unbelebte Nachtaufnahmen, dunkle Orte,
etwa Autobahnraststätten, Parkplätze oder
Kinos, wo sich Menschen, zum spontanen, doch geplanten
Geschlechtsverkehr treffen. Da sie sich vorher nie
begegnet sind, erkennen sie einander nur über
bestimmte, vorher festgelegte Codes. Die norddeutschen
Strandlandschaften von SONJA BRÜGGEMANN sowie
ihre Nahansichten von Teppichen und Tapeten bilden
ein subtiles Gegensatzpaar aus Distanz und Nähe,
aus landschaftlicher Weite und bürgerlicher
Enge. Für ihre Werkgruppe „Wie eh und
je“ richtete sie ihre Kamera auf ihr persönliches
Umfeld, das Elternhaus, wo sie Kindheitserinnerungen
in der Gegenwart photographierte.
Momente des Übergangs sind Thema von SUSANNE
LUDWIG: Sie photographiert Orte wie Fabrik- und
Lagerhallen oder Büros von Firmen, die kurz
zuvor Insolvenz anmelden mussten. Angefangen hat
alles mit dem Nordischen Stahlwerk in Neumünster,
wo die Photographin im Chaos der räumlichen
Entleerung und ökonomischen Abwicklung nach
den Geschichten des Vergangenen suchte. Auch die
Architektur des dritten Reiches steht in Deutschland
trotz systematischer Zerstörungen während
des zweiten Weltkrieges noch heute an vielen Orten
herum und wird in unterschiedlichster Art und Weise
genutzt, als Dokumentationszentrum und Museum, als
Diskothek und Versandhauslager oder zerfällt
als unliebsame Geschichtsruine. RALF MEYER spürte
nach aufwändiger Recherche zahlreiche solcher
Gebäude auf und schreibt mit dieser subtil
angelegten, photographischen Studie ein Stück
deutscher Architekturgeschichte.
HEIKE MARIE KRAUSE ging nach dem Diplom bei Reinartz
mit einem DAAD-Stipendium nach New York, wo ihre
Portraitserie „Selves“ entstand: unterschiedliche,
formatfüllende Mimikstudien des eigenen Gesichts.
Was zunächst wie ein Filmstreifen wirkt, bleibt
lückenhaft und offen für unsere Imaginationen.
„Es ist wie es ist“ lautete der Ausspruch
einer sehr jungen, offenbar überforderten Mutter
von drei Kindern, von denen eines fremd untergebracht
ist, und wurde auch von RANDI DUBORG als Titel ihrer
Diplomarbeit gewählt. Darin untersucht sie
Familienstrukturen jenseits der sozialen Netze unserer
Gesellschaft.
Obwohl es Dirk Reinartz nur kurz vergönnt war,
an der Muthesius-Kunsthochschule Fotografie zu lehren,
hat er seinen Studenten entscheidende Impulse zur
Professionalisierung geben können. Viele dieser
eigenständigen photographischen Positionen
sind in Norddeutschland entstanden, also gewissermaßen
vor der eigenen Haustür – ähnlich
wie auch Reinartz selbst arbeitete. Diese stillen
Bilder scheinen die Zeit anzuhalten und zugleich
offene Gesellschaftsräume zu beschreiben.
Der Titel „Stille“ charakterisiert die
langsame wie überlegte fotografische Annäherung
von Dirk Reinartz und seinen Schülern an die
unmittelbare Umgebung sowie an die leisen Themen,
die ihre innere Spannung oft erst auf dem zweiten
Blick offenbaren.
Christiane Gehner / Matthias HarderZur Ausstellung
erscheint eine umfangreiche Publikation im Steidl
Verlag, herausgegeben von Christiane Gehner und
Matthias Harder, mit Texten von Hubertus von Amelunxen,
Ulf Erdmann Ziegler und den Herausgebern.
Christiane Gehner / Matthias Harder
Zur Ausstellung erscheint eine umfangreiche Publikation
im Steidl Verlag, herausgegeben von Christiane Gehner
und Matthias Harder, mit Texten von Hubertus von
Amelunxen, Ulf Erdmann Ziegler und den Herausgebern.
Weitere Ausstellungstermine:
Kunsthalle zu Kiel (4.Mai – 6.Juni 2007);
VHS Fotogalerie Stuttgart (27. Juni – 3. August
2007); Martin Gropius Bau, Berlin (August –
September 2007); Städtische Galerie Wolfsburg
(September – Dezember 2007) und Stadtmuseum
Buxtehude (Frühjahr 2008)
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18.März - 29.April 2007
Donnerstag
bis Sonntag von 13.00
- 17.00 Uhr |
Ausstellung und Katalog wurden ermöglicht durch die
Kunststiftung HSH Nordbank in Kiel.
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