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PRESSEANKÜNDIGUNG
Mit der Ausstellung "Sichtung" von Brigitte
Waldach setzt das Palais für aktuelle Kunst die
Reihe mit Einzelausstellungen junger Künstler fort.
Brigitte Waldach studierte an der Hochschule der Künste
in Berlin, zuletzt als Meisterschülerin von Georg
Baselitz. Mit einem DAAD-Stipendium reiste sie 2001
nach New York, wo sie die renommierte White Box mit
einer aufsehenerregenden Swimmingpool-Installation veränderte.
In Berlin bespielte sie 2002 die Fassade des Theaters
am Halleschen Ufer mit einer alter ego-Figur ihres Zyklus
"Sichtung rot" und wurde zur Ausstellung "Wächserne
Identitäten" ins Georg Kolbe-Museum eingeladen.
Für die Räume des Kunstvereins hat sie nun
vier neue Werkgruppen erarbeitet. Jeder Ausstellungsraum
ist einem Thema und einem künstlerischen Medium
Installation, Ölbild, Gouache, Bleistiftzeichnung
- gewidmet, im Foyer beispielsweise "Schwarze Löcher":
DinA5-große Filzstiftzeichnungen und Folien-cutouts,
die auf diesen kleinen Zeichnungen beruhen, eingescannt
und vektorisiert wurden und anschließend mit einem
Schneidplotter zu lebensgroßen Figuren geschnitten
wurden.
Daneben öffnet sich der Raum mit einer neuen Werkgruppe,
betitelt "Kulissen kommunikativer Situationen
Christine". Diese "Kulissen" zeigen ein
weibliches, androgyn wirkendes Modell (namens Christine)
in schwarzer Silhouette auf riesigen Büttenbahnen,
als multiples Portrait inszeniert. Hier spielt Brigitte
Waldach mit Bewegungsmustern einer konkreten Person,
mit Distanz und Nähe. Die Momentaufnahmen beruhen
auf eigenen Photographien mit Vorgaben der Posen, hier
transformiert in Gouache auf Bütten, umgesetzt
in große und kleine Figuren, die über die
unterschiedlichen Größen Räumlichkeit
suggerieren. In der realen Raumecke überlagern
und verdichten sich die Körper, die jedoch nur
ein und derselben Person abgelauscht sind. Die stilisierten
anonymisierten Schattenrisse, in denen die gleiche Person
mit sich selbst und mit uns Betrachtern zu kommunizieren
scheint, bilden die Hintergrundkulisse für tatsächliche
Begegnungen im Ausstellungsraum.
Im Erdgeschoß befinden sich unter dem Titel
"Paarungen" weiterhin Bleistiftzeichnungen
von Brigitte Waldach, die erst vor einigen Wochen in
Glückstadt entstanden sind. In den Zeichnungen,
denen Medienbilder als Vorlage dienten, lesen wir merkwürdige
und subversive Geschichten um Zweisamkeit, die mal parasitär
ausfällt, mal symbiotisch oder schlicht voller
harmonischer Vertrautheit.
"Sichtung rot" in den beiden letzten Räumen
in der unteren Raumflucht vereint verschiedene Aspekte
des großangelegten, multimedialen Projektes gleichen
Namens. 96 Zeichnungen entstanden vor kurzem, als Brigitte
Waldach eine umfangreiche Privatbibliothek mit Photoliteratur
sichtete.
Brigitte Waldachs Projekt "Sichtung rot" begann
im Jahr 2000 als work in progress und wurde in unterschiedlichen
Formen visualisiert: als begehbare Rauminstallation
im eigenen Atelier, als Wandbild auf der Kunstmesse
Zürich oder als Zeichnungsserie in der Berliner
Galerie Jarmuschek und Partner. "Sichtung rot"
entwickelt eine fiktive Biographie, deren alter ego-Figur
sich teilweise in illusionistischen Bildräumen
bewegt oder in der gelegentlich der rote Faden der Geschichte
reißt.
Hier, in "Sichtung rot our library"
wählt die Künstlerin nun aus jedem Photobildband
im surrealistischen Sinn automatisch, also ohne
einschränkende Kontrolle ein oder mehrere
Motive zur Vorlage für eine eigene rote Zeichnung,
die anschließend als Siebdruck multipliziert wird.
Die photographischen Vorbilder werden nicht 1:1 übernommen,
sondern sind lediglich Anlaß für eigene Bildideen.
Das Buch kann wieder in die Bibliothek zurückgestellt
werden, aus deren Inhalt es als Inspiration entstand.
Die Siebdruck-Edition enthält einen 9 Meter langen,
gefalzten Siebdruck mit knapp fünfzig Motiven,
zum Buch gebunden. Das Buch liegt auf einem roten Tisch
mit rotem Stuhl davor durch diese kolorierten
Möbel, die mehr sind als eine schlichte Präsentationsmöglichkeit,
wird der Raum zur Installation.
Entscheidend sind auch hier die Sichtachsen: wenn man
unten im schmalen Raum nach links blickt, öffnet
sich (hinter der Wand mit den knapp Hundert Zeichnungen)
eine begehbare Zeichnung. Rote, figurative Folien wurden
auf durchsichtige Lexanplatten aufgeklebt und im Raum
schwebend aufgehängt; die diffuse, zurückhaltende
Lichtführung verändert den Raum in eine geheimnisvolle
Traumsequenz. (Die Motive entstammen einem in Vorbereitung
befindlichen Zeichentrickfilm.) Im Ausstellungsraum
werden wir zum Mitspieler, zum Protagonisten dieser
bühnenbildhaften Situation. Und der Blick zurück
bringt den zweidimensionalen, schwebenden Stuhl auf
einer der transparenten Platten mit dem realen Stuhl
im Nebenraum nicht nur mimetisch in Verbindung.
Im Obergeschoß sehen wir die Leinwandbilder der
"Sexus"-Reihe, zwei Jahre alt, die, losgelöst
von ihren Vorlagen, zu Ornamenten aus Körpern werden
Momentaufnahmen flüchtiger Begegnungen.
Sie schweben (teilweise übereinander) in leeren,
weißen Bildgründen und zeigen das fast klinische
Interesse der Künstlerin an der Hinterfragung der
heutigen Werbeästhetik. Gleich nebenan hängen
die ältesten Arbeiten dieser Ausstellung, rote
Aquarelle von 1999, mit denen Brigitte Waldach ebenfalls
Klischees und Posen aus Lifestyle-Magazinen bildhaft
paraphrasiert.
In "Stimmen" (am Ende der oberen Raumflucht)
begegnen wir schließlich sieben überlebensgroßen
Gesichtern in engen Körperausschnitten aus ihrer
jüngsten Bildserie "Weißwelten",
ausgeführt mit fahlen Öllasuren auf weißer
Leinwand. Diese Stilisierungen junger weiblicher und
männlicher Modelle bilden das Personal eines fiktiven
Filmes. Die Protagonisten, die einer Weltraumserie entsprungen
sein könnten, scheinen in unseren Realraum hineinzuhorchen.
Im Zentrum von Brigitte Waldachs künstlerischem
Interesse steht die alltägliche menschliche Geste,
die sie reduziert, stilisiert und neu inszeniert. So
sind Waldachs Bildideen geprägt von nicht-linearen,
teilweise absurden Geschichten, die an Beckett denken
lassen. Das Personal ihres großangelegten "Sichtung
rot"-Projektes scheint sich in rote Fäden
zu verstricken oder im Projekt "Schwarze Löcher"
von diesen verschluckt zu werden. Die Erscheinungsformen
ihrer Werkgruppen variieren: Bleistift- und Filzstiftzeichnungen
sowie Leinwandbilder verschiedener Formate oder temporäre,
ortspezifische Installationen mit cutouts aus roten
und schwarzen Klebefolien.
Brigitte Waldachs "Sichtung" wird unterstützt
durch das Kultusministerium der Landesregierung Schleswig-Holstein
sowie durch die Firma Steinbeis Temming in Glückstadt.
Zur Ausstellung erscheint die Siebdruckedition "Sichtung
rot our library" in Buchform (verlegt von
Vice Versa, Berlin; Auflage 100; Preis 220 €) sowie
der Siebdruck "Sichtung rot fish" (Format
50x60 cm, Auflage 50, Preis 100 €).
Bildmaterial und weitere Informationen zur Ausstellung
erhalten Sie auf Anfrage vom Leiter des Palais für
aktuelle Kunst in Glückstadt,
Dr. Matthias Harder.
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